Art-Coaching fördert Kreativität in Unternehmen

Bildliche Darstellung Art Coaching

Bildquelle: Pexels

Art-Coaching ist eine Methode um die Zusammenarbeit in Teams zu stärken. Dabei wird Kreativität und innovatives Denken gefördert.


22. April 2021 | Von Antonia Wagner, Carolin Enke

Kunst ist Kultur, Kunst ist Motivation, Kunst ist ein kreativer Prozess. Aber was haben Kunst und Personalentwicklung in Unternehmen gemeinsam? Ob Selbstverantwortung, Motivation oder Innovation: Die Anforderungen an Führungskräfte ändern sich. Auch die emotionale Unterstützung der Mitarbeiter/-innen wird dabei thematisiert. Viele Unternehmen haben dies erkannt und wissen, dass Unternehmenskultur und ökonomischer Erfolg Hand in Hand gehen. Durch künstlerisches und kreatives Arbeiten wird die interne Kommunikation attraktiver und das Teambuilding positiver. Eine gemeinsame Kunstbetrachtung fördert den Austausch zwischen den Mitarbeitenden und verbessert die Unternehmenskultur durch ein gegenseitiges Kennenlernen und den ungezwungenen Austausch.

Innovatives und kreatives Denken entstehen meistens dann, wenn wir neue Perspektiven auf ein bestimmtes Thema einnehmen können. Bei der Umsetzung von Projekten in Unternehmen, z.B. bei der Einführung von digitalem Arbeiten, kann es daher hilfreich sein, dass sich Führungskräfte und Mitarbeiter/-innen in einen kreativen Reflektions- und Austauschprozess begeben. Dabei können konkrete Ideen oder Ansätze gemeinsam entwickelt werden.

Art-Coaching in Organisationen

Obwohl klassische Kunst und Malerei auf den ersten Blick wenig mit Digitalisierungsthemen gemeinsam zu haben scheinen, gibt es durchaus anregende Synergien, die sich Unternehmen bei der Entwicklung innovativer Ideen zu Nutze machen können. Einen möglichen Ansatz dafür bietet die Methode des Art-Coachings. Dieses Coaching-Format ist nicht nur für das individuelle Coaching, sondern erprobterweise auch im Bereich von Team- und Organisationsentwicklung in Unternehmen wirksam. Es ist insbesondere sinnvoll bei Anliegen, deren Bearbeitung eine Emotionalisierung erfordert, bei der Thematisierung von Sinn und Werten oder bei Themen, die mit anderen Verfahren bislang nicht bearbeitbar waren.

Um zu verstehen, was genau sich hinter einem Art-Coaching verbirgt, wie es funktioniert und welchen Mehrwert es Unternehmen bietet, haben wir Prof. Dr. Herbert Fitzek, Kultur- und Wirtschaftspsychologe und Prorektor der Business School Berlin befragt. Herr Fitzek beschäftigt sich seit Jahren mit dem menschlichen Verhalten in Digitalisierungs- und Veränderungskontexten und führt selbst regelmäßig Art-Coachings durch.

Herr Fitzek, was genau ist Art-Coaching? 

Bilder bewegen Wirklichkeit. Wer sich auf Kunstwerke einlässt, taucht in faszinierende Entdeckungsgeschichten ein: auf dem Weg zu Bildern und über die Bilder zu sich selbst. Denn was zu sehen ist, ist nicht das Beste am Bild. Viel spannender ist, wer es sieht und wie es gesehen wird. Kunstcoaching entdeckt in Bildern die Betrachtenden und hilft ihnen dabei, ihren persönlichen Blick auf sich und die Welt zu entschlüsseln. Für die Blickwendung bedarf es einer fachkundigen Reisebegleitung. Ausgebildete Kunstcoaches verfügen über Methoden, im Erleben von Kunst persönliche Erfahrungsmuster zugänglich zu machen, die auch den Zugang zum Selbstbild, zum Blick auf andere und zum beruflichen Handeln eröffnen. 

Prof. Dr. Herbert Fitzek, Kultur- und Wirtschaftspsychologe
Prof. Dr. Herbert Fitzek, Kultur- und Wirtschaftspsychologe

Wie funktioniert Art-Coaching und welche Voraussetzungen müssen für die erfolgreiche Durchführung erfüllt sein?

„Zu jedem Bild gehört ein Stuhl!“ (Paul Klee). Kunst funktioniert nicht ohne Aufenthalt. Dazu werden mindestens 10 Minuten Zeit benötigt und mit der Zeit auch die Bereitschaft, sich ohne Vorkenntnisse auf die Führung durch das eigene Erleben einzulassen. Wer sich die Zeit nimmt und aufmerksam dafür ist, was sich an Wahrnehmungen, Stimmungen, passenden und unpassenden Einfällen einstellt, hat den ersten Schritt zur Wirklichkeit der Kunst bereits getan. Um weiterzukommen, bedarf es der ortskundigen Begleitung. Kunstcoaches kennen die Werke und ermutigen zum unbekümmerten Einlassen auf die Wirkung der Bilder – als individuelles Erlebnis oder als gemeinsame Entdeckungsreise. Dafür machen wir Angebote im Bereich von Selbsterfahrung, Führungscoaching und Führungskräfteentwicklung. 

Wer hat etwas vom Kunstcoaching? 

Nicht jeder (Frau oder Mann) wird Künstler/-in, wenn er vor ein Bild tritt. Und mancher braucht Mut, sich der Führung durch Kunstwerke anzuvertrauen. Aber Talent zum Kunsterleben bringt jeder mit, der offen für die Vielfalt und Komplexität der Welt der Bilder ist. Und die hängen nicht an der Wand, sondern begleiten durch den Alltag, das Miteinander der Menschen, die private und berufliche Umgebung. Es ist ein wirklich befreiendes Erlebnis, den individuellen Blick auf die eigene Lebenswelt zu entschlüsseln. Kunsterfahrung setzt Energien frei, sich auf Wesentliches zu konzentrieren und die eigenen Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen: im Umgang mit sich selbst wie im Verstehen von anderen und im Führen von Mitarbeitern/-innen. 

Funktioniert Kunstcoaching nur im Museum? 

Museen und Galerien sind nicht zufällig Orte der Begegnung mit Kunst. Denn hier warten ausgewählte Werke auf den Besuch von Interessierten, die Zeit mitbringen, um sich ungestört der Wirkung der Bilder zu überlassen. Wo das gewährleistet ist, funktionieren Bilder auch außerhalb von Kunstorten. Hier ist aber – noch mehr als im Museum – die Hilfe von Kunstcoaches gefragt. Denn die Einstimmung auf das Erleben, das Beschauen der Werke, das Aufgreifen ihrer Wirkung und die 

Wendung auf persönliche Erfahrungsmuster ist selbst ein kunstvoller Prozess – dazu bedarf es einer intensiven psychologischen Ausbildung. Kunstcoaches müssen die Wirkung der Bilder kennen und helfen bei der Entdeckung der persönlichen Erfahrungsmuster. Verschiedene Museen auf der Welt lassen sich bereits digital erkunden.

Wie kann ich Kunstcoaching kennenlernen? 

An der BSP Business School Berlin ist Kunstcoaching fest im Lehr- und Forschungsprogramm verankert. Hier werden Kunstcoaches im Studiengang „Analytische Intensivberatung“ ausgebildet, im Forschungsprojekt „Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kommunikation“ findet der Transfer in die Praxis statt. Art Coaching Workshops werden in halb- oder ganztägigen, z.T. auch mehrtägigen Formaten für Hochschulen und Unternehmen angeboten, auf Anfrage auch gern als Schnupperkurs für einzelne Interessierte oder Gruppen. 

Der Ablauf eines Art-Coachings: 

  1. Vorbereitung mit Schilderung des Anliegens, Auftragsklärung und Vorauswahl des Kunstwerks 
  2. Durchführung im Museum oder digitalen Plattformen von Museen   
  3. Nachklang mit der Besprechung der Wirkung und der Ergebnisse 

Und wie kann man sich die Einfälle zu Bildern an einem Beispiel vorstellen? 

Eine biblische Szene – viel Licht und viel Schatten, fromm wirkt das nicht. Da stecken Leute die Köpfe zusammen. Was machen die da? Der Blick holt aus über einen Kreisel von vier Köpfen und konzentriert sich schließlich auf eine einzelne Stelle im Bild. Da will es jemand genau wissen und – unerhört!! – der bohrt mit seinem Finger in einer Wunde herum. Es tut schon beim Zugucken weh, und ist gleichzeitig faszinierend, denn so fühlt es sich an, wenn jemand den Finger in die Wunde legt. Das konzentrieren auf Wesentliches schmerzt zugleich und wird deshalb oft vermieden. Obwohl wir wissen, dass es nötig ist und manchmal gar nicht anders können, als es genau so zu machen. In welchen Situationen ist es uns so gegangen – waren wir beteiligt? Opfer? Täter? Oder haben wir uns hinter den anderen versteckt und zugeschaut? Wir könnten es vielleicht auch einmal anders versuchen…“ 

Wir danken Herrn Fitzek für das Interview!

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