Coronakrise: Bäckerei hat kreative Idee

Auf einem Backblech stehen gebackene Toilettenpapier-Törtchen

Coronavirus: Das Schürener Backparadies aus Dortmund hatte eine besondere Idee.


14. April 2020 | Von Svenja Dittmann

Das Schürener Backparadies ist eine Bäckerei in Dortmund, die 1979 als Familienbetrieb gegründet wurde. Schon lange gehört es zum Konzept des Backparadieses, seinen Kunden eine bunte, vielfältige Auswahl an Backwaren zu bieten, die sich vom Angebot der Konkurrenz durch besondere Kreativität stets etwas abhebt. Zuletzt erregte eine Kreation aus der Bäckerei von Geschäftsführer Tim Kortüm besondere Aufmerksamkeit, die mit einer der Auswirkungen der Corona- Krise kokettiert: Eine Torte in Toilettenpapier-Design. Diese Idee verbreitete sich schnell über Social-Media-Kanäle und wurde deutschlandweit von zahlreichen Medien aufgegriffen. Und nicht nur das: Sogar der New York Times war es eine Meldung wert.

Ein Interview mit Geschäftsführer Tim Kortüm:

Herr Kortüm, sie hatten viel zu tun in den letzten Tagen: Das Fernsehen ist auf sie aufmerksam geworden und Ihre Bäckerei wurde sogar in der New York Times erwähnt. Ihnen wird also nicht nur regionale, sondern sogar internationale Aufmerksamkeit zuteil. Wie kam es dazu?

Wir haben unser neues Produkt, die Toilettenpapier-Torte, auf Instagram und Facebook gestellt. Schon das ging durch die Decke was die Resonanz angeht. Auch der WDR wurde so auf uns aufmerksam und hat die Torte dann auf seiner Internetseite gepostet. Ich selbst bin auch aus eigener Initiative auf einige regionale und überregionale Zeitungen zugegangen, die es ebenso aufgegriffen haben. So hat es sich immer weiter verbreitet, bis es dann zu der Kurzmeldung in der New York Times kam. Die Idee sorgt bei den Menschen für Heiterkeit in einer Zeit, in der es vielleicht sonst nicht so viel zu lachen gibt. Das kommt einfach gut an und verbreitet sich spielend über Social-Media-Kanäle.

Ein Blick auf Ihre Social-Media-Accounts verrät, dass Sie dort auch vor der Corona-Krise aktiv waren. Es finden sich dort, teilweise vielfach kommentierte, Fotos und kurze Video. Was schätzen Sie am Kundenkontakt über Social Media? Welche Erfahrungen machen Sie?

Wir sind schon sehr lange in den sozialen Medien aktiv. Neue Produkte  und neue Ideen verbreite ich immer auf diesem Weg. Gerade wenn man aus dem Handwerk kommt und eigentlich ein Standardprodukt herstellt, muss man kreativ werden, um Kundinnen und Kunden über soziale Medien zu erreichen. Man muss eine Story um seine Produkte herum aufbauen und etwas dazu erzählen. Kundinnen und Kunden macht der Umgang mit Social Media Spaß und es gefällt ihnen, ihrem Bäcker dort zu begegnen. Ich habe auch festgestellt, dass vor allem Fotos oder Videos geliked werden, auf denen ich selbst oder meine Mitarbeiter/-innen zu sehen sind. Viele Betriebe schrecken noch davor zurück, sich in sozialen Medien zu präsentieren, da es mit viel Arbeit verbunden sein kann, die Aktivitäten zu moderieren. Kommentare müssen gelesen und beantwortet werden. Gerade die gewachsene Reichweite durch die mediale Aufmerksamkeit hat leider auch Personen angezogen, die die Kommentarspalten nutzen, um Hass zu verbreiten.

Auf den Backblechen in der Bäckerei stehen Toilettenpapier-Törtchen
„Klopapapier-Rollen“ werden auch im Backparadies stark nachgefragt. (Bild: Schürener Backparadies)

Inwiefern haben sich die Zahlen was Follower und Likes angeht verändert?

Wir hatten auch vorher schon ca. 4500 Follower. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit sind nun sowohl bei instagram als auch bei Facebook nochmal gut 1000 Follower hinzugekommen. Auch die Anzahl der Likes, gerade bei den neueren Postings, ist höher als zuvor. Allerdings sind viele dieser Likes auf Personen zurückzuführen, die auf irgendeinem Kanal auf unsere Idee gestoßen sind und sich räumlich nicht in der Nähe befinden. Dies sind dann aktuell auch keine potenziellen Kundinnen und Kunden für uns, dennoch freuen wir uns über die erhöhte Aufmerksamkeit und das Gefühl der Wertschätzung, das damit einhergeht.

Erhalten Sie aktuell vermehrt Bestellungen auf digitalem Weg?

Ja, natürlich erhalten wir derzeit vermehrt Anfragen per Mail. Allerdings haben wir auch vor der Corona-Krise schon Bestellungen online entgegengenommen. Gerade was Tortenbestellungen angeht, äußern Kunden immer individuellere Wünsche. Da genügt es nicht mehr, einen Katalog mit einer begrenzten Auswahl an Tortenmodellen zur Verfügung zu stellen. In solchen Fällen bietet es sich eher an, dass Kundeninnen und Kunden uns ein Foto per Mail zukommen lassen. Anhand der Vorlage können wir dann eine Torte kreieren, die den Vorstellungen genau entspricht.

Haben sie vor, zukünftig noch weitere digitale Vertriebskanäle zu nutzen?

Wir haben den Aufbau eines Online-Shops ins Auge gefasst. Zweifellos hätten wir mit dem Onlinevertrieb unseres Klopapiers hohe Umsätze erzielen können. Gerade durch die deutschlandweite Presse haben wir eine Reichweite bekommen, die weit über die lokale hinausgeht. Wir haben wahnsinnig viele Anfragen von überall her bekommen. Leider haben wir bislang jedoch noch keinen Online-Shop für unsere Bäckerei eingerichtet. Die derzeitigen Erfahrungen haben jedoch unsere Motivation was das angeht und wir haben definitiv vor, ein Modell zu entwickeln, um unsere Produkte auch deutschlandweit online vertreiben zu können.

Der Mundschutz darf nicht fehlen. (Bild: Schürener Backparadies)

Nun einmal unabhängig von der digitalen Kommunikation: Inwieweit sind Sie darüber hinaus in Sachen Digitalisierung aufgestellt? Und welche Schritte wollen Sie in diese Richtung noch gehen?

Obwohl wir ein kleiner Betrieb sind und nur das eine Geschäft betreiben, sind wird fast so gut ausgestattet wie große Filialbetriebe. Wir wenden digitale Technik überall da an, wo es unser alltägliches Geschäft erleichtert. Aktuell sind das zum Beispiel Warenwirtschaftssysteme, die Kassensoftware und auch unsere Öfen laufen über digitale Programme. Dabei versuchen wir digitale Lösungen nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern nur da anzuwenden, wo es sich als zeit- und kostensparend erweist. Aufgrund unserer Größe erachte ich für uns nicht alles, was digital möglich ist, als sinnvoll. Dennoch bin ich verschiedenen Lösungen gegenüber offen und habe auch viel ausprobiert. Kunden per Tablet Hochzeitstorten auswählen zu lassen zum Beispiel, hat sich im Nachhinein als nicht so gut handhabbar erwiesen, wie ein klassisches Fotobuch zum analogen Durchblättern, in dem die Kundschaft per Fingerzeig ihre Entscheidung trifft. Demnächst werden wir uns allerdings zu unseren Bankprogrammen eine neue Buchhaltungssoftware anschaffen, die Rechnungen auf Kontoauszügen automatisch erkennt und ausbucht. Da wir täglich so viele Rechnungen bearbeiten und erstellen müssen, würde das eine enorme Zeitersparnis bedeuten.

Klopapapier Rollen werden auch im Backparadies stark nachgefragt. (Bild: Schürener Backparadies)

Wie wirken sich die Einschränkungen im Zusammenhang mit der Corona- Krise auf Ihr Geschäftsmodell aus?


Die Nachfrage ist in vielen Bereichen natürlich weggebrochen. Aus unserem Angebot betrifft das zum Beispiel Hochzeitstorten oder belegte Brötchen im Rahmen von Bestellungen großer Betriebskantinen. Der Verkauf der Klopapier-Torte konnte das nur sehr bedingt abfedern, insgesamt ist weniger zu tun. Das versuchen wir abzufangen, indem wir Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Urlaub schicken und Überstunden abbauen lassen.

Was nehmen Sie mit aus den aktuellen Entwicklungen?

Wenn alles drum herum läuft wie gewohnt, stellt man Routinen kaum in Frage. In der Not wird man erfinderisch und entdeckt neue Wege wie Kunden erreicht werden können. Hierzu zählen dann in meinem Fall die verstärkte Präsenz in den Medien und die Idee mit dem Online-Shop. Diese Impulse hätte ich ohne die aktuelle Krise wahrscheinlich nicht bekommen.

Herr Kortüm, vielen Dank für das Interview.

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